Offener Brief an den Gemeinderat von Ute Gabler

Baumschutzgruppe Schwäbisch Hall Hartäcker 33
74523 Schwäbisch Hall

Offener Brief an die
Mitglieder des Gemeinderats der Stadt Schwäbisch Hall

Betreff:

Bebauungsplan „Bahnhofsareal Nord“

Erhaltung der Bäume und des Grüngürtels am Bahnhof/Steinbacher Straße Bitte um Neubewertung und Änderung des Bebauungsplans

Sehr geehrte Gemeinderätinnen und Gemeinderäte,

sicher haben Sie von unserer Aktion gegen die geplante Abholzung der nahezu 200 Bäume bzw. Beseitigung des größten Teils des Grüngürtels am Bahnhofsareal erfahren. Wir stellen das städtebauliche Projekt insgesamt nicht in Frage. Es geht uns vielmehr darum, wie zukunftsfähig es sein wird. Daher verlangen wir, dass die Planung gerade des nördlichen Teils des Bahnhofsareals die von der Bundesregierung und vom Land beschlossene „Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ (siehe Quellenauszüge unten) berücksichtigt.

Wissenschaftler sind sich einig: In naher Zukunft werden Städte selbst in der Größe von Schwäbisch Hall mit großer Trockenheit und Hitze zu kämpfen haben. Dichte Bebauung wirkt sich dabei besonders negativ aus. Hinzu kommt die aus stadtklimatischer Sicht ungünstige Kessellage Halls. Durch den Verlauf des Kochertals in Nord/Süd-Richtung kommt es bei den darüber hinweg wehenden vorherrschenden Westwinden zu einem sehr eingeschränkten Luftaustausch im Talraum. An heißen Sommertagen baut sich somit leicht eine Hitzeglocke über der Stadt auf.

Deswegen braucht Schwäbisch Hall im Sinne der oben genannten „Anpassungsstrategie“ viel und noch mehr Grün. Baumbestandene Flächen verringern bei solchen Wetterlagen durch Schatten und Wasserverdunstung die Aufheizung der Stadt und des Quartiers.

Nun haben wir am Bahnhofsquartier den Vorteil, bereits einen bestehenden Grüngürtel mit dichtem Baumbestand zu haben, der sich dabei auch noch zum Nulltarif selbst erhält.

Von der Straße her betrachtet, scheint es sich um übliches Gehölz zu handeln, aber bei näherer Betrachtung entpuppt es sich zu einem über lange Zeit gewachsenen Biotop mit über 200 Bäumen allen Alters. Darunter sind auch etliche sehr stattliche, die von dichtem Gebüsch umgeben sind. Solche natürlich entstandenen Gehölze erweisen sich sehr stabil und resistent gegen Klimaextreme! Zusätzlich ist dieses Böschungsgehölz noch eng verbunden mit der schönen alten Allee am Bahnhofsvorplatz. Aus ökologischer Sicht ist dieser gesamte Gehölzbestand nicht nur wichtiger Lebensraum für zahlreiche Kleintiere, vor allem Insekten und Vögel. Er sorgt auch auf dieser Talseite für eine bessere Biotop Vernetzung der durch Bebauung unterbrochenen Hangwälder.

Und es profitieren davon besonders die hier lebenden Menschen: Der geschlossene Grüngürtel bindet CO2, liefert Sauerstoff und Schatten, kühlt und filtert Feinstaub. Er dient als Luftbefeuchter in Trockenzeiten, bindet Niederschlag bei Starkregen und lädt die Bewohner des neuen Quartiers zum Flanieren entlang der alten Alleebäume ein.

In Zukunft sind überall solche wertvollen Grünflächen unverzichtbar. Der Versuch, sie zu ersetzen, bedeutet einen immensen zeitlichen und finanziellen Aufwand. Dazu kommt, dass ein neu gepflanzter Baum – unter hohem Pflegeaufwand – nicht nur Jahrzehnte braucht, bis er die Aufgaben eines alten erfüllen kann, sondern unter den jetzigen klimatischen und örtlichen Bedingungen weniger Aussicht hat, dieses Alter zu erreichen.

Ein grünes Umfeld mit alten großen Bäumen nahe der Bebauung wird zukünftig klimatisch belastbarer sein. Sein Vorhandensein kennzeichnet eine gute Wohn- und Lebensqualität; was nebenbei dann auch den finanziellen Wert einer Immobilie erhöhen kann.

In logischer Konsequenz muss es also in Ihrem Sinne sein, das Planungskonzept so zu modifizieren, dass der bestehende Grüngürtel an der Hangkante in die Planung des Bahnhofsareals Nord integriert werden kann. Sicher wird man Planerinnen oder Planer finden können, die es schaffen bestehendes Grün und P&R-Plätze zu integrieren.

Wir bitten wir Sie, die Bebauungsplanung aus diesem Blickwinkel heraus neu zu beraten und entsprechend der aufgezeigten Notwendigkeiten zu verändern. Außerdem sollten Sie bis zur Verabschiedung des Plans keine baulichen Maßnahmen der Stadtwerke in diesem Bereich zulassen, die die von uns abgelehnte Planungsvariante „zementieren“ könnten.

Schwäbisch Hall, den 5. November 2020
Mit freundlichen Grüßen,
c/o Ute Gabler, Baumschutzgruppe Schwäbisch Hall

Auszüge aus Quellen:
Zweiter Forschungsbericht der Bundesregierung zur „Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ vom 21.10.2020

S.40: Grüne Infrastruktur in der nachverdichtenden Stadt
In dem Forschungsfeld sollen Anforderungen und Lösungsansätze für Maßnahmen einer urbanen grünen Infrastruktur definiert werden, insbesondere hinsichtlich der Planung, Gestaltung, Finanzierung, Nutzbarkeit und baukulturellen Qualität. Unter dem Primat des forcierten Wohnungsneubaus soll der Fokus auf die Sicherung, Qualifizierung und Neuentwicklung von Grünflächen in verdichteten und verdichtenden Städten gelegt werden. Erarbeitet werden sollen Prinzipien einer qualitätsvollen Freiraumgestaltung im Rahmen einer doppelten Innenentwicklung (Nachverdichtung und Begrünung). Das Forschungsfeld fokussiert sich auf verdichtete, innerstädtische Bereiche von Groß-und Mittelstädten.

Ziel des Projektes ist, den Stellenwert von urbaner grüner Infrastruktur in Stadtplanungs-prozessen im Planungsvollzug zu stärken und ein Leitbild für die Stadtgrüngestaltung in der nachverdichtenden Stadt zu erarbeiten.

Maßnahmenorientierte Informationsmaterialien, Planungswerkzeuge und Handlungs-empfehlungen zu den Möglichkeiten der Stadt- und Freiraumplanung zur Reduzierung von Hitze und UV- Belastungen.

Im Umgang mit Hitze- und UV-Belastungen sind die Schaffung und der Erhalt von Frei- und Grünflächen, die Stadtbegrünung (z.B. Baumpflanzung und -pflege, Dach- und Fassadenbegrünung), der Erhalt und die Neuanlage von Frischluftschneisen, die Nutzung „blauer“ Infrastrukturen und die Erhöhung/Senkung des Albedo-Effekts zentrale Ansatzpunkte für mögliche Anpassungsmaßnahmen insbesondere in größeren Städten (BBSR 2016, 29).
(Albedo-Effekt: Relative Aufheizung der Oberfläche durch Sonneneinstrahlung)

Anpassungsstrategie an den Klimawandel des Landes Baden-Württemberg 2015: Maßnahmen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität

S.124: 3.8.4. Anpassungsziele und Maßnahmen

Die Stadt- und Raumplanung verfügt grundsätzlich über eine Vielzahl von Instrumenten zur Klimaanpassung auf Landes-, Regional- und Kommunalebene. Im Bereich der Raumplanung ist den räumlichen Erfordernissen des Klimaschutzes Rechnung zu tragen, sowohl durch Maßnahmen, die dem Klimawandel entgegenwirken, als auch durch solche, die der Anpassung an den Klimawandel dienen (§ 2 Abs. 2 Nr. 7 Raumordnungsgesetz (ROG)).

… Im Bereich Bauleitplanung wurden die Möglichkeiten zur Klimaanpassung verbessert, als der Gesetzgeber 2013 das Thema „Klimawandel und Anpassungsmaßnahmen“ ausdrücklich in die Rahmenvorgaben des Baugesetzbuches zur Erstellung von Bauleitplänen aufnahm (§1a (5) BauGB). Bei der Anpassung gilt es jedoch darauf zu achten, dass die Maßnahmen der Stadt- und Raumplanung mit konkurrierenden Planungszielen und Leitbildern abgestimmt werden. Eine solche Konkurrenz besteht zum Beispiel zwischen der Freihaltung von Kaltluftschneisen und der Sicherung von Grünflächen als Kaltluftentstehungsgebiete einerseits und dem Leitbild der Innenentwicklung und Nachverdichtung andererseits. Da Entscheidungen der Stadt- und Raumplanung in der Regel sehr lange Vorlaufzeiten haben und erst langfristig wirken, sind auch Maßnahmen zur Klimaanpassungen mit großer Weitsicht zu planen. Je früher eine Anpassung erfolgt, desto geringer werden Schäden und Kosten ausfallen, die aufgrund verspätet ergriffener Maßnahmen auftreten können. …

S.127: Verschattung und Kühlung im öffentlichen Raum

… Der öffentliche Raum kann häufig durch einfache Verschattungsmaßnahmen abgekühlt werden. Besonders an Orten, die von großen Teilen der Bevölkerung im Alltag genutzt werden, sind Verschattungselemente von großer Bedeutung (zum Beispiel durch die Sicherung, den Schutz und Neupflanzung von Bäumen oder geeignete Überdachungen von Haltestellen des ÖPNV, Plätzen, Straßen etc.). …

Zuständigkeit: Kommunen, Planungsträger, Verkehrsunternehmer etc. Betroffene Akteure: Kommunen, Planer
Zeithorizont/Dringlichkeit: kurzfristig/räumlich differenziert

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